An Afterwork Affair: 54 Gedanken, die ich bei einer queeren Afterwork Party in Dresden hatte
Es war einer dieser Abende, an denen der Sommer eigentlich schon vorbei ist, sich aber doch noch einmal zurückmeldet. 23 Grad, ein graues Zweiteiler-Ensemble und ein Piccolo. So begann meine queere Afterwork Party in Dresden. Was danach passierte, habe ich nicht in Fotos, sondern in Gedanken festgehalten: 54 kleine, aber ehrliche Momente, Gedanken und Verwunderungen.
Titelbild: Andrei S.
Text: Mister Matthew

54 Gedanken, die ich bei einer queeren Afterwork Party in Dresden hatte
- Das Thermometer zeigt 23 Grad. Wohl einer der letzten Sommertage für dieses Jahr. Mich freut’s. Darauf nochmal zur Afterwork.
- Ich wollte „work“ in Afterwork ein bisschen zu deutlich nehmen und meinen Zweiteiler aus Nadelstreifen tragen, wie es sonst nur bei Anzügen zum Einsatz kommt. Nun ist es ein graues Zweiteiler-Ensemble geworden. Auch gut.
- Bin mal wieder viel zu zeitig am Treffpunkt mit meinen Freunden. Wie heißt es so schön „überpünktlich ist auch zu spät”. Naja.
- Meine Begleitungen sehen unverschämt gut aus.
- Unverschämt ist auch der Radfahrer, der mich auf dem Weg fast über den Haufen gefahren hat. Die Outfit-Option hätte also lieber Zebrastreifen, statt Nadelstreifen sein sollen.
- Der Schreck lässt sich nur mit einem Piccolo verkraften, den ich für meine Freunde und mich kurz vorher gekauft habe.
- Die beste Sorte bei Piccolos: Reblaus. Drei Flaschen für drei Euro. Klingt eklig, schmeckt mir aber sehr gut. Ich bin ein Mann der einfachen Dinge.
- Der Name Reblaus passt ganz gut, weil zwei Freundinnen und ich uns immer Laus nennen, abgeleitet von „Maus“, was aktuell inflationär benutzt wird. Deshalb sind wir Läuse, statt Mäuse.
- Angekommen. Die queere Afterwork Party findet im „Archiv der Avantgarden“ der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden statt. Vielmehr in der 451° Bar, welche im Keller des Archivs ist und an eine Terrasse mündet.
- Hot Take: Ich vermute, dass 99% der Deutschen nicht wissen, was Avantgardismus bedeutet. Bis heute bin ich von dieser „geistigen Strömung“ fasziniert, musste ich es doch 2014 bei einer Besprechung von Lektüre im Abitur vorstellen.
- Das Haus ist so schön!
- Vor einigen Jahren wurde das Gebäude kernsaniert und das „Archiv der Avantgarden“ darin errichtet. Ich erinnere mich noch an die Out-of-Home-Kampagne „ADADADA“ und daran, wie gerne ich diese Kampagne mit meiner damaligen Agentur hätte umsetzen wollen.
- Naja.
- Wow, es ist unerwartet voll. Vielleicht werde ich auch noch ganz überraschend voll heute. Der erste Gang geht natürlich zur Bar.
- Fragt man mich nach meinem liebsten Drink (ich frage immer alle anderen, mich aber fragt nie jemand), dann wechselt das immer zwischen Vodka Lemon, Cosmopolitan und einem einfachen Bier. Heute wird es keines davon, sondern ein Gin Tonic. Never let them know your next move.
- Ich will noch ein Foto von mir machen und berechne die verbleibende Zeit der Abendsonne. Ob’s richtig ist, wissen weder ich noch mein Gin Tonic. Denn mit der Definition von Avantgarde ist mein Speicher seit dem Abitur ausgeschöpft und es blieb kein Platz mehr für Mathematik.
- Meine Freunde erzählen von ihrer Woche und ich fiebere mit ihnen. Eines der Dinge, die ich am meisten liebe: wenn andere von ihrem Leben erzählen. Du hast 11 komplett andere Erzählstränge in den letzten 72 Stunden erlebt als ich? Erzähl mir davon!
- Ich gebe meinen Senf dazu und versuche, Tipps zu servieren. Diese werden auch mit jedem Schluck besser. Mein Gin Tonic und ich leisten Teamarbeit.
- Ich erzähle von meiner Woche, die geprägt war von Arbeit und Erwachsenen-Dingen. Zahnreinigung, Behördengänge, Friseurtermin.
- Zeit für ein zweites Getränk.
- Ich gehe meinem Gin Tonic fremd und trinke in dieser Runde ein Sekt auf Eis. Cosmopolitan gibt es leider nicht. „It’s an afterwork affair“, würde die Episode einer Sex And The City Folge zu diesem Abend heißen. Und genau wie bei Avantgarde kann ich auch hier mit Wissen glänzen: vor Selbstlauten im Englischen steht ein „an“, statt nur einem „a“. Ganz leicht. „An Ufo, an apple, an afterwork affair.“ Bitteschön.
- Es ist 20:13 Uhr und die Sonne erreicht den Horizont. Sonnenuntergang. Jetzt aber schnell noch ein Bild machen, bevor es komplett dunkel ist. Meine Zeitrechnung hat funktioniert. Nicht eingerechnet waren zwei Getränke, die mich meine Pose ein bisschen länger überlegen lassen.
- Die Kamera klickt. Ein Schlüssel fällt ins Schloss. Das Foto ist im Kasten.
- „Trinken wir ein drittes Getränk, Sven?“, frage ich meinen Kumpel. Und los.
- An der Bar angekommen, denke ich an den nächsten Tag. Nicht etwa wegen dem Kater, sondern wegen meiner Freundin Alina. Um 8 Uhr muss ich los, um sie nach zwei Jahren Au Pair in den USA vom Flughafen abzuholen. Ich werde kurz ein bisschen sentimental und freue mich. Ein guter Anlass, um heute zu trinken und zu feiern.
- Ein Gin Tonic bitte!
- Cheers!
- Für das Welcome Back morgen am Flughafen habe ich eine Astra Rakete im Supermarkt eingekauft, ihr liebstes Bier. Damit kann ich morgen früh schön kontern.
- Kontern kann ich auch hier bei der Afterwork Party, als mir jemand im Gespräch weismachen will, dass Taylor Swift überbewertet sei. Hold Alina’s Beer. Ist sie nicht. Und wenn du dich schon mit mir anlegst, dann gib dir gefälligst ein bisschen mehr Mühe.
- Ich freue mich auf ihr neues Album „The Life Of A Showgirl“.
- Taylor trinkt ebenso gerne einen guten Drink wie meine Freunde und ich.
- Ein kurzer Blick nach links: Wow, sind meine Freunde schon wieder dicht.
- Wo bleibt eigentlich mein anderer Kumpel, der eventuell noch vorbeischauen wollte? Ich schreibe ihm.
- Er muss ebenfalls morgen früh um 8 Uhr los, allerdings nach Köln und mit (aktuell noch nicht) gebackenem Kuchen. Er ist auf eine Hochzeit eingeladen.
- Ich checke kurz die Kuchenauslage der Bar. Tagsüber befindet sich in der Museumsküche bzw. der 451° Bar vom „Archiv der Avantgarden“ nämlich ein Café. Leider ist jeder Kuchen schon angeschnitten und nicht mehr im Ganzen zu kaufen. Sonst hätte ich ihm einen gekauft, damit er nicht mehr backen muss, sondern mit mir trinken kann.
- Der Kumpel kommt nicht mehr. Menno. Er ist nämlich ganz hübsch. Und mein drittes Getränk und ich wollen flirten.
- Flirt-Potential bei der Afterwork Party in Dresden ist eher so eine 6/10. Vielleicht wird es mit dem nächsten Getränk besser.
- Bitte noch einen Gin Tonic!
- Mittlerweile haben wir vergessen, wer eigentlich mit der Runde dran ist. Ich? Du? Ich? Du? Ah ne, ich glaube er. Wen meinst du?
- Jemand stolpert. Nicht ich, zum Glück. Wäre auch schade um das Getränk.
- Die Musik ist laut, könnte aber besser sein. Just saying. We listen and we don’t judge. Naja, we do judge.
- Ich bereue meine Outfitwahl nicht, aber ein bisschen mehr Stoff wäre jetzt schon nicht schlecht. Es wird schlagartig frisch.
- Die Party löst sich langsam auf, Gespräche werden leiser, Blicke dafür länger.
- Soll ich noch ein Getränk bestellen oder ist es gut für heute? Wie für den Sonnenuntergang muss ich jetzt berechnen, wie lange ich noch schlafen kann, bevor ich zum Flughafen muss. Noch eine Stunde bleiben? Deal!
- Ok, noch ein Getränk. Alle guten Dinge sind…fünf?
- Wir gehen.
- Und ich bin ganz erstaunt darüber, dass meine strahlend weißen Sneaker keinen einzigen schwarzen Kratzer abbekommen haben. Normalerweise passiert mir das irgendwie immer. Der Abend stand wohl unter einem guten Stern. Oder die Getränke lassen mich nicht mehr richtig sehen.
- Wir laufen vom Goldenen Reiter die mit Bäumen gesäumte Fußgängerzone in Richtung Dresden Neustadt entlang. Irgendwie magisch. Es weht ein laues Lüftchen und meine Begleitungen erzählen einen Witz nach dem anderen. Ihre Getränke habe ich nicht mitgezählt, aber ich vermute, dass sie mich irgendwann nach dem zweiten Getränk überholt haben.
- Jetzt noch Pizzabrötchen? Oder gleich Richtung Bett?
- Ok, Pizzabrötchen.
- Nach einem weiteren Getränk in einer weiteren Bar verabschieden sich meine Freunde in die Nacht und winken mir schmunzelnd nach.
- Ich schaue kurz in eine der Datingapps und suche nach einem Dessert. Denn bis hier war es noch keine richtige „Afterwork Affair“. Ich stelle fest, so bleibt es auch. Und so ziehe ich die letzte Zigarette aus meiner Tasche und laufe gedankenversunken nach Hause.
- Ich fühle mich wie Carrie Bradshaw. Zumindest kurz. Denn Dresden ist nicht New York. Aber meine Getränke haben sich echt Mühe gegeben. Ich freue mich auf Alina. Wo genau wohl gerade ihr Flugzeug über dem Atlantik fliegt? Wie lange habe ich doch gleich zum Schlafen?
- Ach Mist.
