Das geheime Doppelleben des Bloggers Mister Matthew
Titelbild: Vanessa Thiel
Text & Illustration: Mister Matthew
Wenn ich diese Zeilen veröffentliche, dann beende ich meine längste Schreibpause seit 2014. Nämlich 139 Tage. Zwölf Jahre lang ist auf dem Blog fast jeden Tag ein neuer Artikel erschienen. Und dann bin ich fremdgegangen. Mit Social Media. Einfach so. Und es war geil. So erzielte ich mit kurzweiligen und reißerischen Videos für mich große Erfolge, die mich definitiv stolz und ein kleines bisschen süchtig gemacht haben.
4 Millionen Menschen sahen mich weinen. Zehntausende liefen mit mir durch New York City. Hunderte Likes für Nächte, an die ich mich selbst kaum erinnere. Das schmeckt mir wie der Alkohol, den ich in vielen Videos trinke, schon ganz gut. Bin ich ehrlich. Doch irgendwie habe ich einen Social-Media-Kater. Für einen Moment lang mit vielen Menschen Spaß haben, doch in bereits wenigen Monaten erinnert sich kaum einer mehr an das lustige Video, an die reißerische Hook, an meine witzige Story. Oder?
Was bleibt? Ein wachsendes Instagram-Profil. Was zurückbleibt? Mein Blog, der leise in der Ecke weint, wenngleich er sich für mich freut und sogar lautstark anfeuert. Doch wir vermissen uns. Und ich glaube, ich habe lange so getan, als wäre das nicht schlimm. Als könnte man etwas, das einen über Jahre geprägt hat, einfach leise aus dem eigenen Leben streichen. Doch in mir sieht’s anders aus.
Früher war mein Blog der Ort, an dem ich langsamer sein durfte. Und genau das fehlt mir aktuell. Ja, es ist unfassbar nett, lustige Videos mit Reichweite zu haben (was haben mich viele Menschen auf mein Holetox-Video angesprochen). Doch in mir schlummert da auch ganz viel Bedarf nach Ruhe, die ich auf Social Media nicht habe.
Und genau deshalb fange ich nun wieder an (denn Social Media und Blog können auch koexistieren, ha! System ausgetrickst!). Nicht mit einem großen Knall, nicht mit dem Anspruch, sofort wieder alles so zu machen wie früher (mehrere Artikel die Woche), sondern langsamer. Auch das bin ich. Auch das ist Mister Matthew. Denn wenn ich die letzten Monate eines gelernt habe, dann: Reichweite mündet nicht gleich in Relevanz.
Mister Matthew
Blogger, Content Creator und irgendwie Doppelagent

Ich hab nicht schlecht geschaut als ich eine Mail von dir im Postfach hatte. Ja, manchmal hab ich mich gefragt, ob das ein weiterer Blog ist, der in “Rente” gegangen ist. Mit ganz viel Freude habe ich deine Worte inhaliert. und ja, auch ich war schon an dem Punkt Social Media meinem Blog vorzuziehen der ja seit einigen Jahren kein reiner Blog mehr ist. aber es macht einfach nicht so viel Spaß. Beiträge leben eben nicht lang. Der Blog allerdings, das ist ganz unser. Umso schöner ist es nun gewesen wieder von dir zu lesen.
alles Liebe Dany von danyalacarte
Autor
Hallo Dany! 🙂 Ich habe mich gerade sehr über deinen Kommentar gefreut Vielen, vielen lieben Dank dafür!
In Rente ist der Blog noch nicht, aber definitiv auch nicht mehr in den besten Jahren. Es ist wahrlich traurig, was Social Media den zahlreichen, tollen Blogs angetan hat. Alle Blogs, die ich mal täglich gelesen habe, gibt es nicht mehr. Umso schöner zu lesen, dass du so eisern bei der Stange bleibst. Du hast aus dem Schreiben echt was gemacht und bist dahingehend ein großes Vorbild. Wirklich Hut ab!
Ganz liebe Grüße von mir und stets frohes Texten!
Matthew
Mist, irgendwie hatte ich nach dem starken Anfang des Artikels auf einen großen Knall gehofft. Stilistisch war’s gut, aber ich hatte mit einer tieferen Reflexion gerechnet. Ich hab wohl doch einiges verpasst.
Welche Möglichkeiten hast auf dem Blog, den Insta nicht bietet? Was hat dir beim Tippen längerer Texte Freude bereitet und was willst du davon in die Zukunft mitnehmen?
Womit willst du den Blog wiederbeleben?
Autor
Hallo Evy!
Danke für deinen Kommentar und die Zeit, diesen zu schreiben. Ist ja heute auf Blogs leider nicht mehr so selbstverständlich. 🙁 Erst mit dem Kommentar habe ich gemerkt, wie sehr mir deine Gedanken gefehlt haben. Klingt kitschig, ist aber so. Denn du bist immer so herrlich ehrlich und kritisch. Das mag ich sehr und fordert heraus. Im Guten.
Einen Knall kann ich nicht bieten, dass stimmt. Eher ein leises Erwachen, dass schneller Fame auf Instagram geil ist, aber eben nicht alles. Fehlt dir nicht auch hin und wieder die Substanz beim Konsum? Blogs klicke ich nicht so schnell wie zum Beispiel Reels. Und so geht mir dies auch in der Produktion. Es ist ein bisschen langsamer, bedachter. Und das tut mir gut. Zu dem Entschluss bin ich in meiner Reflexion gekommen.
“Welche Möglichkeiten hast auf dem Blog, den Insta nicht bietet?” Auf jeden Fall: Text! 🙂 Ich lese und schreibe sehr gern. Nicht perfekt, aber das sind meine Videos auf Instagram auch nicht.
Beleben möchte ich den Blog mehr mit leichteren und persönlicheren Einblicken, immer noch ästhetisch, aber nicht mehr den hundertsten Artikel über den neusten Trend. Eher wie den aktuell neuen Hamburg-Trip Artikel. Und ein anderer Artikel in der Pipeline ist ein ungeschönter Einblick in meine 4 Outfits meiner 4 letzten Dates. Sowas zum Beispiel.
Was liest du gerne (an Blogs und Magazinen) und welches Medium bevorzugst du? Social Media oder Schreibmaschine?
Ganz liebe Grüße!
Matthew 🙂
Brief. Schreibmaschine 🙂 Deine Ideen klingen gut. Andere Leser:innen sehen das sicher anders, du kennst ja deine Communitiy besser als ich, aber: Der Stil macht den Unterschied. Dann mittlerweile ist auch Nahbarkeit ein Stück austauschbar geworden. Die Community schätzt das, aber Kalendersprüche kann jeder. Deswegen finde ich die Idee gut, dass du mehr “schreiben” willst. Das Erzählen selbst ist der Schlüssel.
Ich lese fast gar keine Blogs mehr, weil ich irgendwann einfach “raus” war. Die Faszination war irgendwann weg. Und ja, mich deprimiert das zu sehen, dass auch meine Lieblingsblogger Burn-Out erlitten haben. Es schafft das besagte Gemeinschaftsgefühl, aber … das Maß ist wichtig. Man darf auch mal NICHT konsumieren, wenn man merkt, dass es einem nicht gut tut.
Wenn ich Menschen in den Öffis beobachte, fällt mir auf, dass sie abschalten wollen, aber auch das Bedürfnis nach Inhalten da ist. Ich denke, man darf nicht in die berühmte Spirale geraten, in der man immer oberflächlicher konsumiert, weil das Bedürfnis nicht befriedigt wird. Vlt. ist es nicht das Bedürfnis nach Quantität, sondern nach Qualität. Wir konzentrieren uns auf das falsche.
Derzeit nutze ich Insta viel, was aber auch daran liegt, dass meine Lieblingskünstler:innen und Locations aktiv sind. Der Algo wirft mir auch Beiträge in die Timeline, die Diskussionen angeregt haben – sowas lese ich gerne.
Wenn ich “nur” konsumieren will, dann guck ich ne Doku. Ganz klassisch über die Mediathek.
Mein lieber Namensvetter,
ich finde es sehr schön und toll, dass du zu dieser alten Liebe zurück gefunden hast.
Ich kann dich zu 100% verstehen, was du erlebt hast, wie es sich anfühlt und mir kamen sofort Erinnerungen in den Kopf, wie es mir denn so erging und vor allem, welche Bedenken ich heute noch damit habe. Zwar habe ich keinen Blog, aber dennoch kenne ich es hin und hergerissen zu sein auf Social Media in gewisser Art und Weise aktiv zu sein. Und jedes Mal frage ich mich wofür? “Für den Click, für den Kick, für den Augenblick??”
Ich finde es toll, dass du so reflektiert bist und vor allem, das du mit dem Blog auch einen Ruhepol hast/findest.
ich nehme mir auf jeden Fall vor, öfter “vorbeizuschauen”!
Herzliche Grüße aus Halle Saale
Matthias
Autor
Hallo Matthias,
vielen Dank für deine Zeit und den Kommentar. Das weiß ich wahrlich sehr zu schätzen! Kommen mir doch fast die Tränen. Ist ein Kommentar auf einem Blog in 2026 doch wahrlich pures Gold wert. Ich genieße die Ruhe auf dem Blog. Es tut sehr gut, einen Gedanken mal langsamer, ohne dem Algorithmus im Nacken, ausformulieren zu können.
modische Grüße nach Halle Saale!
Matthew